11. Januar 2021

„Das Dorf wird definitiv wiederentdeckt werden.“

5 Fragen an Niklas Maak

  1. Was können Menschen in der Immobilienwirtschaft, was die Digitalisierung nie können wird?

Die Digitalisierung stellt Hilfsmittel zur Verfügung, mit denen man effizienter, schneller, im Idealfall nachhaltiger arbeiten kann. Aber sie hat eine Tendenz dazu, nur den Status Quo in einem engen axiomatischen Rahmen zu optimieren, statt nach grundlegend neuen Parametern des Denkens, Handelns und Lebens zu suchen. Was die Digitalisierung bisher und hoffentlich auch in Zukunft nicht ersetzt, sind die menschliche Kreativität und die gemeinsame Diskussion darum, wie wir in Zukunft miteinander unsere Zeit verbringen, wieviel und wo wir arbeiten, kurz: wie wir leben wollen. Die Digitalisierung bringt ja nicht nur Gefahren, sondern auch enorme Chancen mit sich. Man muss sich nur die enormen Digitalisierungsgewinne anschauen, um zu verstehen, dass die Digitalisierung es uns ermöglicht, die Gesellschaft sozial, ökonomisch und räumlich ganz neu zu definieren. Die Immobilienwirtschaft kann in diesem entscheidenden Moment wesentliche Weichenstellungen vornehmen. Sie kann enorme Fehler machen – oder aber unserem Zusammenleben im digitalen Zeitalter einen ganz neuen Rahmen geben, in dem die Chancen und vormals undenkbare Qualitäten dieser neuen Ära sichtbar werden.

 

  1. Auf die nächsten fünf Jahre gesehen: Wandern mehr Menschen aus den Städten ab aufs Land oder umgekehrt?

Die Frage ist nur mit: sowohl als auch zu beantworten. Noch immer bieten Städte mehr Arbeits- und Lebensmöglichkeiten, auch aufgrund der jahrzehntelangen politischen Vernachlässigung ländlicher Räume. Aber die Zeit, in der man dachte, das Land sei die Vergangenheit und die Städte seien die Zukunft, ist vorbei. Gerade die Digitalisierung ermöglicht es zahlreichen „remote workers“, nicht mehr jeden Tag ins Büro zu müssen. Wenn Internet und Bildungsangebote auf dem Land gut genug sind, werden sich gerade junge Familien fragen, ob es nicht schöner ist, in einem grossen Gehöft in einem Bergdorf am Laptop zu sitzen, während die Kinder am Bach und im Wald spielen, und hin und wieder für ein, zwei Tage in die Stadt zu fahren, als sich zum gleichen Mietpreis in eine Zürcher 3-Zimmer-Wohnung zu quetschen. Und gerade die Corona-Krise hat gezeigt, dass das Land, mit seinen Freiräumen und seiner Naturnähe, mit der lokalen Lebensmittelversorgung für unser Wohlbefinden essentiell ist. So gesehen glaube ich an ein enormes Potential der vielen heute noch schrumpfenden Gemeinden und der dortigen Immobilien, die oft genau das bieten, was viele Städter sich in den Grossstädten nicht mehr leisten können. Das Dorf, die Kleinstadt wird definitiv wiederentdeckt werden – als Ort voller Lebensqualität, aber diesmal ohne die Klaustrophobie und die ökonomische wie soziale Perspektivlosigkeit, die viele einst von dort forttrieb.

  1. Braucht es künftig Gewerbeimmobilien überhaupt noch – und falls ja: Was müssen diese können?

Gerade nach der Corona-Krise sind viele Unternehmen zu dem Schluss gekommen, dass Konferenzen über Zoom ähnlich effektiv sein können wie physische Treffen in Gewerbeimmobilien. Man kann das skeptisch sehen – auch ich glaube, dass physischer Kontakt, das Miteinander mit Kollegen, die Gespräche und Ideen auf dem Flur nicht einfach zu ersetzen sind –, aber man muss damit rechnen, dass viele Unternehmen ihre Ausgaben für Gewerbeimmobilien auf den Prüfstand stellen werden; die Reduktion von Gewerbeflächen gerade in Metropolen ist ökonomisch einfach zu verführerisch. Deswegen müssen Gewerbeimmobilien in Zukunft etwas leisten können, was über Zoom nicht passiert: Menschen zwanglos zusammen zu bringen, neue Formen gemeinsamen Denkens und Miteinander-Forschens, -Analysierens und Kommunizierens zu ermöglichen; ein Arbeitsumfeld bieten, dass offener, freier, attraktiver als das kleine Arbeitszimmer zuhause ist. Büros werden Denkwelten und Kommunikationsmaschinen werden müssen, soziale Katalysatoren, die Prozesse in Gang setzen, wie sie isoliert an kleinen Bildschirm mit dem Blick auf die briefmarkengrossen, verzerrten Gesichter der Kollegen, nicht möglich sind.

  1. Wie werden wir im New Normal mit New Work im Homeoffice leben und arbeiten trennen?

Das zu lernen, ist eine wichtige Aufgabe – denn die Versuchung ist gross, noch nach dem Abendessen ein wenig weiterzuarbeiten. Ich kenne Fälle, da hat das Homeoffice dazu geführt, dass sich das „Office“ deutlich zulasten von „Home“ ausdehnt. Da muss man sich klare Regeln auferlegen; nach drei Stunden ein Spaziergang oder eine Viertelstunde Teepause, abends Familienzeit oder Zeit für Sport – und irgendwann muss auch mal Schluss sein mit Arbeit. Sonst ist die neue Durchmischung von Leben und Arbeiten vor allem eine Ausdehnung des Arbeitens in Sphären, die früher davon getrennt waren.

 

  1. Ist Immobilienbesitz in Zeiten des ständigen Wandels noch bedeutsam?

Dazu zweierlei: Immobilienbesitz gibt auf der privaten Ebene, also im Bereich individueller Wohnungen oder Häuser, gerade wegen des ständigen Wandels aller anderen Parameter ein elementares Gefühl von Sicherheit. Firmen dagegen könnten dazu neigen, auf Büroflächen, sogar auf Firmensitze oder Showrooms zu verzichten und alles ins Netz zu verlagern. Aber das unterschätzt die menschliche Psyche, den Wunsch, sein Leben an realen Orten zu verbringen, zu bummeln, zu jemandem zu gehen, empfangen zu werden. Ein Haus ist auch eine Visitenkarte, ein Selbstporträt, ein gebauter Rahmen, eine Ermutigung für ein Leben und Arbeiten, das ohne diesen physischen Rahmen so nicht stattfinden – im Wortsinn von eine „Stätte“ finden – würde. Aber Privateigentum verpflichtet laut unserer Verfassungen auch, und das nicht ohne Grund: Das Wort privare bedeutet im Lateinischen auch „stehlen“, etwas dem Kollektiv „wegnehmen“. Wer Privateigentum geniessen will, muss sich daher auch ums Wohlergehen der anderen kümmern, etwas für die Res Publica tun. Anders gesagt: Um sich in seiner Immobilie sicher zu fühlen, muss man dafür sorgen, dass durch besinnungslose Spekulation und kurzsichtige Gewinnmaximierung der gesellschaftliche Konsens nicht derart zerstört wird, dass Zustände wie in vielen Städten Lateinamerikas eintreten, in denen das Durchqueren des öffentlichen Raums aufgrund eines extremen Arm-Reich-Gefälles sogar für die Mittelschicht zur Zitterpartie geworden ist. Europa und vor allem die Schweiz haben über die Jahrhunderte Gesellschaften hervorgebracht, in denen die Möglichkeit der Partizipation und eine gerechte Sozialpolitik den öffentlichen Frieden garantieren. Die Funktions- und Ausgleichsfähigkeit dieser Gesellschaften muss bewahrt werden, denn ohne öffentlichen Frieden bietet auch Immobilien- und Privateigentum keine Sicherheit.