18. Januar 2022

„Eigentlich spricht fast alles für Immobilien“

5 Fragen an Prof. Reto Föllmi

  1. Warum gibt und braucht es wirtschaftliches Wachstum?

Wachstum als Ergebnis von Forschungstätigkeit und unternehmerischem Handeln kann sich nur entfalten, wenn die Rahmenbedingungen günstig sind: Eine liberale Gesellschaft marktwirtschaftlicher Prägung, die Unternehmertum zulässt. Historisch und im internationalen Vergleich ist nämlich Wachstum eher die Ausnahme als die Regel. Eine Gesellschaft ohne Wachstum läuft Gefahr, sich in Verteilungskonflikten zu zerfleischen. Ohne Wachstum bedeutet Gewinn einer Unternehmung immer den Verlust von jemand anderem.

 

  1. Bringt Wachstum automatisch auch Innovation mit sich?

Wirtschaftliches Wachstum rührt aus dem Pionier- und Erfindergeist des Menschen. Wenn wir diesen zulassen, werden findige Köpfe immer nach neuen Lösungen suchen. Reines Mengenwachstum hat beschränkten Nutzen und ist wegen den endlichen Ressourcen limitiert. Ohne Innovation kann es darum kein nachhaltiges und anhaltendes Wachstum geben. Für qualitatives Wachstum gibt es eigentlich keine Grenze nach oben.

 

  1. Zeigt die Pandemie eher die Grenzen des Wachstums auf oder eher die Notwendigkeit?

Mit Sicherheit Letzteres. Die rasche Entwicklung von Impfstoffen zeigt gerade, wie wichtig Innovationen und Wettbewerb sind, um die Pandemie zu überwinden oder wenigstens einzudämmen. Jede Krise setzt auch immer neue Ideen frei. So hat uns die Pandemie die Risiken weltweiter Lieferketten vor Augen geführt. Viele Firmen diversifizieren ihre Lieferketten, um resilienter zu werden.

  1. Die Gegenwart ist für die Immobilienwirtschaft golden – warum soll sie die Zukunft neu denken?

Eigentlich spricht fast alles für Immobilien. Solange die Schweiz als Wirtschaftsstandort attraktiv bleibt, wird die Baubranche florieren. Auch im Pandemiejahr 2020 sind über 60’000 Personen in die Schweiz eingewandert. Mit durchschnittlich zwei Personen pro Wohnung brauchte es alleine im erst Corona-Jahr netto 30’000 neue Wohnungen. Und das Zinsumfeld ist für Immobilien immer noch günstig. Wenn die Inflation bleibt, steigen über kurz oder lang auch die Zinsen mit den entsprechenden Verwerfungen für die Immobilienpreise – risikolos ist die Situation also nicht. Wir dürfen aber nicht vergessen, längerfristig sind Immobilien zusammen mit Aktien der beste Schutz gegen Inflation.

 

  1. Nur wer sich entscheidet, verändert etwas: Was sind die grössten Treiber der Veränderungen in der Immobilienbranche?

Zuallerst stehen die Bedürfnisse des Kunden. Die Pandemie und die Erfahrungen des Home Office haben die Nachfrage nach Wohnraum, gerade auch fern der Zentren, stark erhöht. Dafür sind Büroflächen auf dem Prüfstand. Zweitens hat die Immobilienbranche, gerade mit Einsatz von IT und Artificial Intelligence, noch einen grossen Automatisierungsschub vor sich. Machine Learning-Methoden können gerade in Liegenschaftenhandel und -finanzierung die Abwicklung wesentlich vereinfachen. Weil Überbauungen aber immer Einzelobjekte sind, wird bei Immobilien immer noch viel Massarbeit bleiben. Und letztlich gibt es kaum eine Branche, in der Regulierungen und Vorschriften so eine starke Rolle für die Entwicklung spielen, denken wir nur an die Auseinandersetzungen um Lärmbelastungen. Hier sind neue Ideen und wohl vor allem politische Überzeugungsarbeit gefragt